Wir dürfen einander nicht aus den Augen verlieren

Die Corona-Pandemie hat das Leben der Menschen verändert. Viele Dinge, die vorher ganz selbstverständlich waren, sind es plötzlich nicht mehr. Auch die Kirche ist davon betroffen. Wie bleibt man trotz Abstandsgebot einander nah? Und wie gelingt das Leben, wenn Planungen immer wieder umgeschmissen und angepasst werden müssen? Erzbischof Dr. Stefan Heße spricht über seine Erfahrungen, über die Kreativität, die Veränderungen mit sich bringen und die Hoffnung, die der christliche Glaube gerade in Krisenzeiten bietet.

Katholisch in Hamburg: Wie haben Sie die Corona-Krise erlebt?

Mittlerweile leben wir ja schon einige Monate mit Corona. Deswegen gibt es meines Erachtens schon ganz viele verschiedene Phasen der Corona-Krise. Eine Phase ist zum Beispiel der Lockdown, in dem ich persönlich für 14 Tage unter Quarantäne stand. Dann gab es eine lange Phase, in der keine öffentlichen Gottesdienste stattfinden konnten, unter anderem das Osterfest. Mittlerweile versammeln wir uns wieder gemeinsam in unseren Kirchen, natürlich unter den notwendigen Hygienebedingungen. Der Regelbetrieb an unseren Schulen hat wieder begonnen, natürlich unter Beachtung besonderer Hygienepläne. Ich glaube, dass wir jetzt nicht leichtsinnig und unvorsichtig werden dürfen. Deswegen halte ich es für wichtig, dass wir die üblichen Regeln wie Abstand halten, Mund-Nasen-Bedeckung tragen und Hände desinfizieren auf jeden Fall weiterhin einhalten und darin nicht nachlassen. Manchen geht vielleicht das eine oder andere auf den Geist, aber es ist ein Dienst der Solidarität und der Nächstenliebe, den wir durch das Einhalten dieser Schutzmaßnahmen einander erweisen.

Katholisch in Hamburg: Welche Veränderungen hat die katholische Kirche in Hamburg durch die Corona-Krise erfahren, und wie hat sie auf die Veränderungen reagiert?

Ich bin sehr erfreut über die Kreativität, die ich in vielen Pfarreien sehe. Als zum Beispiel die üblichen Gemeindeversammlungen und vor allen die Gottesdienste nicht mehr möglich waren, hat man ganz schnell neue Wege gesucht, um einander zu begegnen. Dabei erwiesen sich die digitalen Medien als große Hilfe. Viele Pfarreien haben digitale Botschaften versandt, um die Gläubigen zu erreichen. Manche haben Gottesdienste via Internet live übertragen, oder es wurden Impulse für Hausgottesdienste digital versendet. Andere Pfarreien sind verstärkt die klassischen Wege gegangen: Sie haben einander angerufen, Briefe geschrieben oder in Treppenfluren Andachten gefeiert. Für mich sind diese kreativen Begegnungsformen etwas ganz Wichtiges in dieser Zeit: Wir dürfen einander nicht aus den Augen verlieren. Wir müssen aufeinander schauen und aufeinander hören. Wir alle tragen Verantwortung füreinander. Corona darf nicht zu sozialer Isolation führen! Ich bin auch sehr dankbar für das Echo auf meinen Brief zum Pfingstfest, den ich an alle Haushalte im Erzbistum Hamburg gerichtet habe. Es kamen viele schöne, gute und aufbauende Rückmeldungen von Menschen, wie sie ihre Corona-Zeit bewältigt haben und was sie sich davon bewahren wollen.

Katholisch in Hamburg: Das richtige Maß in der Corona-Krise zu finden ist nicht leicht: Wolfgang Schäuble etwa vertrat die Ansicht, dem Schutz des Lebens dürfe nicht alles untergeordnet werden. Wie ist Ihre Position in dieser Frage?

Auch wenn Seuchen und Pandemien in der Weltgeschichte nichts Neues sind, so ist die Corona-Pandemie mit nichts zu vergleichen. Weder mit einem Krieg noch mit einer Naturkatastrophe. Corona hat jede Gesellschaft getroffen, und das sehr hart. Die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft mussten schnelle Entscheidungen treffen, damit die Ausbreitung des Virus so schnell wie möglich eingedämmt wird. Die Entscheidungen trafen uns hart: Einen Lockdown, der die menschliche Freiheit einschränkt und die Wirtschaft zum Erliegen bringt, hat es in der Nachkriegszeit so nie gegeben. Daher kann ich die Reaktion von Wolfgang Schäuble, die sich auf das rein Politische bezieht, nachvollziehen. Die Achtung der Menschenwürde wurde mit dieser Aussage nicht gemindert. Doch die Frage nach dem richtigen Umgang mit der Corona-Pandemie wird in der späteren Geschichte möglicherweise anders bewertet werden. Auch wir als Kirche müssen uns in der Zukunft mit der Frage auseinandersetzen, ob wir alles richtig gemacht haben.

Katholisch in Hamburg: Krisen fordern Menschen in besonderem Maße heraus. Welche Hoffnung trägt Christinnen und Christen gerade in schwierigen Zeiten?

Mir ist in dieser Corona-Zeit noch einmal sehr deutlich geworden, dass wir an einen Gott glauben, der sich nicht über allem bewegt, sondern der in diese Welt hineingekommen ist und das ganze menschliche Leben angenommen und mit uns geteilt hat. Ausgerechnet das Osterfest konnten wir nicht in der normalen Freude und in der liturgischen Größe feiern, aber dennoch konnten wir Ostern als das große Fest der Solidarität Gottes mit uns Menschen erfahren. Das gibt mir Hoffnung, einem Gott zu vertrauen, dem mein Schicksal nicht gleichgültig ist, sondern der es geradezu aus eigener Erfahrung kennt und angenommen hat. Ich glaube, dieser Gott ist nicht im Tod geblieben, sondern hat alles mit in seine österliche Freude hineingenommen. Diese Freude steht für mich als Christ auch hinter und über Corona, und diese Freude darf auch in die vielen Herausforderungen und Fragestellungen, die Corona uns aufgibt, hineinstrahlen. Diese österliche Freude gibt meinem Leben Hoffnung.