Heilig sein: Das ist gar nichts Großes

Die Frauen im weißen Sari fallen auf, sogar in St. Pauli, wo es an Ungewöhnlichem nicht fehlt. Dabei hatte Mutter Teresa ein unauffälliges Ordenskleid gewählt – die Kleidung armer Frauen in Indien: Weiß steht für Reinheit und Taufe, Blau ist die Farbe der Gottesmutter. Jetzt wird die Frau, die nichts Besonderes sein wollte, eine „Heilige“ der Kirche. Was muss man tun, um „heilig“ zu werden?

„Mutter Teresa hat uns gesagt, dass Heiligkeit gar nichts sehr Außergewöhnliches ist“,

sagt Schwester Klara. „Jedem Menschen kann Heiligkeit geschenkt sein. Heilig ist ein Mensch, der die Liebe Gottes erfährt und dazu Ja sagt und Christus nachfolgt. Die Wege dazu sind ganz verschieden.“

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Die fünf Missionarinnen der Nächstenliebe in St. Pauli. Zweite von links ist Schwester Klara.

Schwester Klara hat Mutter Teresa noch selbst kennengelernt. 1989 in Rom, damals stand sie vor dem Ordenseintritt. Seit Mai leitet sie die einzige Niederlassung der Missionarinnen der Nächstenliebe in Norddeutschland. Das „Haus“ Betlehem ist ein Punkt, wo Menschen die Liebe Gottes erfahren: Obdachlose, Frauen ohne Wohnung. Die Schwestern besuchen Menschen in Altenheimen und in Krankenhäusern. „Sie sollen spüren: Du bist von Gott geliebt, auch wenn du dich gerade nicht so fühlst.“ Leprakranke, um die sich Mutter Teresa in Kalkutta gekümmert hat, gibt es in Hamburg nicht. „Aber viele der Menschen, die zu uns kommen, zählen wirklich zu den Ärmsten der Armen“, berichtet Schwester Klara. „Sie sind einsam, sie haben nichts, und viele haben auch keine Hoffnung mehr.“

Arm sind auch die Frauen im weiß-blauen Sari, die ihr ganzes Leben auf die Liebe Gottes setzen. „Man muss im Menschen erwecken, was er tief in sich hat“, sagt die Ordensfrau. „Es mag so aussehen, als ob das Böse mehr Kraft hätte. Und manche erwarten von Gott, er sei ein Supermann, der alles regelt. Aber Gott wirkt im Stillen. Er wirkt sanftmütig in der Güte.“ Die Missionarinnen der Nächstenliebe halten keine Moralpredigten. Ihre Predigt ist die freundliche Zuwendung, ein freundliches Wort, die Begrüßung mit einem Lächeln, egal wer vor der Tür steht. Schwester Klara: „Es ist ja nicht so, dass ich etwas Großes tun muss. Nur muss ich es mit Liebe im Herzen machen. Dann ist es egal, ob ich koche oder Teller austeile oder Behinderten helfe. Das hat Mutter Teresa uns gelehrt.“

In jedem Menschen das Gesicht Christi sehen, das ist ein hoher Anspruch. „Es gibt Momente, in denen das schwierig ist. Weil Arme nicht immer einfach sind. Man braucht Geduld, und die muss man üben.“ Auch dazu hat Mutter Teresa etwas Wichtiges gesagt. „Wenn es euch schwerfällt, den Armen nahezukommen, wenn Abneigung euch überwältigt, „dann geht weg. Aber kehrt auch wieder zurück.“

Immer wieder Geduld und Demut üben, zurückkehren zur Quelle der Liebe:

Das gehört zu dem langen Weg, den jede der Schwestern zurücklegen muss. „Am Anfang sind fast alle voller Tatendrang. Aber wir stoßen natürlich auch auf Grenzen“, gesteht Schwester Klara. „.Wir können nicht 24 Stunden am Tag nur für andere da sein. Man muss zwischendurch auch bei Gott einkehren.“ Das geschieht in der täglichen Messfeier, beim Gebet in der schlichten Kapelle, vor dem Tabernakel und vor dem Kreuz, an dem die Worte Jesu stehen: „Mich dürstet!“ Das Gebet in der Stille führt zur Mitte und zur Quelle. Es gibt Halt in den dunklen Momenten, die auch  Mutter Teresa erlebt hat. „Oft sind solche Zeiten nötig. Es sind Zeiten, in denen Gott etwas in unserer Seele lösen will.“