Zusammenleben verhindert Vorurteile

Roman Lipsky (66) nahm vor zwei Jahren Familie Botros, die vor dem „Islamischen Staat“ aus Mossul geflüchtet war, in sein Haus auf. An das neue Leben musste sich der Witwer erst einmal gewöhnen. Doch bald gehörten Vater, Mutter und die beiden fast erwachsenen Kinder zur Familie. Vor ein paar Wochen ist die Familie in eine eigene Wohnung gezogen, doch der Kontakt besteht weiterhin.

katholisch in Hamburg: Wie kam es dazu, dass Sie Flüchtlinge bei sich aufgenommen haben?

Roman Lipsky: Ich hatte nie vor, einen Teil meines Hauses zu vermieten. Das Haus hat keine abgeschlossenen Wohnungen. Ich habe hier mit meiner Frau und unseren drei Kindern gelebt. Inzwischen sind die Kinder erwachsen und ausgezogen. Vor dreieinhalb Jahren starb meine Frau. Als meine Tochter vor zwei Jahren zu mir sagte „Papa, du hast doch jetzt so viel Platz“ und im gleichen Atemzug fragte, ob ich eine irakische Familie aufnehmen würde, die damals zu viert auf 12 Quadratmetern in einer Aufnahmeeinrichtung lebte, habe ich nicht lange gezögert. Ich habe mit meinem Sohn in der oberen Etage eine kleine Küche eingebaut, und dann konnte die Familie einziehen.

katholisch in Hamburg: Brauchten Sie Mut, um diese Entscheidung zu treffen?

Roman Lipsky: Als mutig empfinde ich die Entscheidung nicht. Zuerst habe ich mich zwar schon gefragt, was auf mich zukommt und wer da wohl bei mir einzieht. Doch ich habe die Entscheidung, die Familie Botros bei mir aufzunehmen, nicht bereut. Ich musste mich zwar etwas einschränken, aber es war für mich vor allem eine Bereicherung.

katholisch in Hamburg: Wie hat sich Ihr Leben durch das Zusammenleben mit der Familie Botros geändert?

Roman Lipsky: Die ersten zwei Jahre nach dem Tod meiner Frau waren keine leichte Zeit für mich. Da war ich für die Ablenkung durch das neue Leben im Haus, das diese Familie mit zwei Kindern mit sich brachte, ganz dankbar. Alle wurden ein Teil meiner Familie, wir haben zusammen Tischtennis gespielt und Geburtstage gefeiert. Wenn ich nach der Arbeit nachhause kam, stand oft das fertige Essen für mich auf dem Herd. Hin und wieder habe ich bei Behördenschreiben geholfen. Oft war es kompliziert, zwischen all den Paragrafen die wichtigen Informationen herauszufinden. Über die Zeit der Familie in Mossul habe ich nur ansatzweise etwas erfahren. Ich wollte sie auch nicht ausfragen. Aber sie haben im Krieg viel Schlimmes erlebt.

Durch die Familie Botros habe ich auch mehr Kontakt zur katholischen Gemeinde in Poppenbüttel bekommen. Sie sind katholische Christen, und der Vater ist in der Gemeinde als Küster engagiert. Ich bin durch die Flüchtlingsarbeit in der Gemeinde letztendlich zum Gemeindechor gekommen. Das macht mir großen Spaß, das hätte ich vorher nicht gedacht. Durch das Gemeindeleben lernt man neue Leute kennen und trifft alte Bekannte wieder. Das ist schön.

katholisch in Hamburg: Wie würden Sie die Stimmung gegenüber Flüchtlingen in Deutschland beschreiben?

Roman Lipsky: Leider wird die gesellschaftliche Stimmung von Neid und Angst geprägt. Nicht nur die rechten Parteien, sogar Bekannte von mir behaupten zum Beispiel, dass Flüchtlinge in Deutschland viel zu viel nachgeschmissen bekommen. Dass das wirklich nicht so ist, das habe ich durch die Familie Botros hautnah erfahren. Mir wäre wichtig, dass das ganz normale Zusammenleben viel mehr im Zentrumder ganzen Flüchtlingsdebatte stehen würde, und nicht nur über die negativen Auswirkungen berichtet würde. Das würde helfen, Vorurteile abzubauen. Ich persönlich habe rundweg sympathische Menschen kennengelernt.