Thema: auf Sicht

Auf Sicht fahren: Dieser Ausdruck verbildlicht, wie sich unser Handeln in der Corona-Krise verändert hat. Wir können nur noch für kurze Zeitspannen vorausplanen, müssen vorsichtig bleiben und dabei immer wieder einschätzen, wie der Weg weitergeht. Denn wenn es dann doch anders kommen sollte, müssen wir zur Not alles stoppen können und vorsichtig neu starten.
Der Ausdruck, der in der Corona-Pandemie von Menschen aus Politik, Medizin, Wirtschaft und Medien oft bemüht wird, stammt eigentlich aus dem Schienenverkehr. „Auf Sicht fahren“ oder auch Sichtfahrbetrieb bedeutet, dass der Fahrzeugführende durch Hinsehen feststellen muss, dass die Fahrt gefahrlos möglich ist. Im Schienenverkehr ist dies nur in bestimmten Situationen nötig, etwa wenn Signale ausfallen, die im Normalfall den Weg weisen.

Die Geschwindigkeit den Sichtverhältnissen anpassen

Im Straßenverkehr hingegen müssen wir zwangsläufig immer auf Sicht fahren. Das sogenannte Sichtfahrgebot besagt, dass die Geschwindigkeit immer den Sichtverhältnissen anzupassen ist: Je unübersichtlicher die Sicht ist, desto langsamer muss die Geschwindigkeit sein. Die Corona-Krise hat unsere Sichtverhältnisse komplett verändert, hat uns ausgebremst, unseren Alltag unübersichtlich gemacht und uns unsere Orientierung genommen. Im Straßenverkehr können die Leitpfosten am Straßenrand Orientierung bieten, um auch bei schlechten Sichtverhältnissen angemessen auf Sicht fahren zu können.

Orientierung wenn Selbstverständliches wegbricht

Auch in der Corona-Krise sind wir auf Orientierungshilfen angewiesen, gerade dann, wenn Selbstverständliches plötzlich wegbricht: der Besuch bei den Großeltern, die Arbeit im Büro mit den Kolleginnen und Kollegen, der Unterricht in der Schule, der Kontakt im Freundeskreis, Gottesdienste, Konzerte, Theater, Sport im Verein. Doch gerade in der Krise hat sich auch gezeigt, was trotz allem Bestand hat, wie wichtig etwa Nächstenliebe, Gemeinschaft und Solidarität geblieben sind. Erzbischof Stefan hat noch während des Lockdowns allen Katholikinnen und Katholiken im Erzbistum Hamburg einen Brief geschrieben und die Menschen nach ihren Erlebnissen in der Corona-Krise gefragt. Und diese Erfahrungen waren trotz der Ängste und Unsicherheiten auch positiv. So berichteten viele vom großen Zusammenhalt, der ungeahnten Hilfsbereitschaft in der Nachbarschaft und auch, wie gut die Besinnung auf das Wesentliche ihnen getan hat. Und neue bereichernde Erfahrungen kamen hinzu: Gottesdienste als Videokonferenzen oder Podcast, gemeinsames Singen auf Abstand im Freien, ganz viel Zeit mit der Familie. Viele machten trotz der fehlenden Gottesdienstbesuche und des weggebrochenen Gemeindelebens die Erfahrung, dass ihnen ihr Glaube gerade in der Krisenzeit Orientierung gegeben hat. Wie Erzbischof Stefan persönlich, der gerade in den vergangenen Monaten Halt im Glauben an einen Gott fand, der auch bei schlechter Sicht die Menschen nicht aus dem Blick verliert, dem ihr Schicksal nicht gleichgültig ist, sondern der es geradezu aus eigener Erfahrung kennt und angenommen hat.

Halt im Glauben finden

Die Corona-Pandemie wird uns, so scheint es, für eine lange Zeit dazu zwingen, auf Sicht zu fahren. Dass sie uns nicht vollkommen ausbremst und zum Stehen bringt, dafür sorgen die wichtigen Orientierungspunkte in unserem Leben. Auch die katholischen Innenstadtgemeinden haben die Menschen nicht aus dem Blick verloren: Die Kirchen in Hamburg sind wieder geöffnet, auch Gemeindeveranstaltungen, Konzerte und Bildungsangebote sind wieder geplant. Sie verlieren die Menschen nicht aus dem Blick, selbst wenn die Sicht wieder schlechter werden sollte.